Dieser Sommer hat mindestens eine klare Verlierergruppe hervorgebracht: Kaum jemand dürfte in den vergangenen Monaten so gelitten haben wie die Bewohner unsanierter und nicht klimatisierter Dachgeschosswohnungen. Vielleicht mit Ausnahme der Besitzer benzingetriebener Hubraummonster, die an der Zapfsäule ähnlich hohe Schmerzpegel aushalten mussten. Seit Mitte Juni hatte die Hitzewelle Deutschland wochenlang fest im Würgegriff – vielerorts ganz ohne nennenswerte nächtliche Abkühlung. Dass Ende des Monats mit 41,8 °C ein neuer nationaler Allzeitrekord gemessen wurde, verkommt dabei fast schon zur Randnotiz.
Direkt unter den Dächern der Republik wurde also unfreiwillig ordentlich Energie für den bevorstehenden Winter „getankt“ – bei Innenraumtemperaturen von 40 °C und mehr. Ohne gleich zum Apokalyptiker zu werden, drängt sich nach diesem Sommer allerdings eine Erkenntnis auf: Hitzewellen dieser Größenordnung werden auch hierzulande zunehmend vom Ausnahmezustand zur wiederkehrenden Realität. Handlungsbedarf besteht deshalb nicht nur bei den längst beschlossenen Maßnahmen zum Erreichen der Klimaziele. Steigende Temperaturen zwingen auch die Immobilien- und Bauwirtschaft zum Umdenken – bei Planung, Organisation und Ausführung. Gefragt sind Gebäude, die Hitze möglichst passiv draußen halten und technische Kühlung dort effizient einsetzen, wo sie tatsächlich gebraucht wird. Gleichzeitig braucht es Arbeitsabläufe, die Beschäftigte auf der Baustelle besser vor Temperaturen schützen, bei denen selbst der Beton ins Schwitzen kommen dürfte.
Lange konzentrierte sich die Bauwirtschaft fast ausschließlich darauf, Gebäude vor Kälte zu schützen. Doch diese Perspektive wird angesichts steigender Temperaturen zu kurz: Gebäude müssen heute ebenso gut mit Hitze umgehen können. Der sommerliche Schutz vor Überhitzung gehört deshalb gleichberechtigt in die Planung. Eine leistungsfähige Dämmung hält zwar im Winter die Wärme im Gebäude und bremst im Sommer den Wärmeeintrag – als alleiniger Hitzeschutz reicht sie jedoch nicht aus. Es braucht zusätzliche Maßnahmen. Vielleicht bedeutet das, gegen den architektonischen Trend etwas weniger Glas an die Fassade zu bringen. Oder mehr helle, reflektierende Oberflächen statt dem Anthrazit- und Rotbraun-Fetisch bei Dachaufbauten einzuplanen. Auch die Technik muss künftig „Hitze können“: Bei neuen Gebäuden – ob Wohnungen, Büros oder Schulen – wird die Kühlung an Bedeutung gewinnen. Reversible Wärmepumpen, Flächenkühlungen, kontrollierte Lüftung und intelligente Gebäudeautomation können helfen, die Raumtemperaturen auf erträglichem Niveau zu halten. Photovoltaik kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sie kann nicht nur zusätzlichen Strombedarf direkt decken, sondern gleichzeitig Verschattung liefern – etwa auf Carports, Terrassen und Parkflächen oder als Bestandteil von Dachkonzepten.
Noch unmittelbarer trifft die Erwärmung das Geschehen auf der Baustelle. Bauzeitenpläne, Lieferketten, Betonier- und Beschichtungsarbeiten sowie der Einsatz von Ressourcen geraten bei großer Hitze schnell unter Druck. Hitzeschutz sollte deshalb stärker Teil der Ablaufplanung werden – und nicht erst dann auf der Agenda landen, wenn sich die Mannschaftswagen in Saunakabinen verwandeln.
Dieser Sommer hat es deutlich gemacht: Der Wärmeschutz hat künftig zwei Jahreszeiten. Im Winter soll die Wärme drinbleiben, im Sommer möglichst draußen. Und auch beim Hitzeschutz für die Teams vor Ort ist die Zeit für Improvisation vorbei. Wenn der Sommer künftig regelmäßig Überstunden macht, sollte die Bauablaufplanung darauf vorbereitet sein.
(Autor: Paul Deder)
