Während meines Studiums gab ein Dozent den Studenten in einer der letzten Vorlesungen folgenden Satz mit auf den Weg: „Um das Erlernte im Beruf umzusetzen, muss man nicht alles wissen. Man muss nur wissen, wo man im Zweifel nachschlagen kann.“ Ein Zitat, das in ähnlicher Form bereits Albert Einstein zugeschrieben wird – und sich auch in älteren historischen Quellen findet. Dieser Satz fiel im beinahe prähistorisch anmutenden Jahr 2003. Google war damals zwar schon Marktführer unter den Suchmaschinen, gehörte aber noch längst nicht selbstverständlich zum Alltag. Und so wurden Lehrbücher, Mitschriften und Klausuren sorgfältig archiviert, um später im Berufsleben passende Antworten, Impulse und Ideen auf mögliche Fragestellungen parat zu haben.
Inzwischen sind die Kartons mit dem „Altpapier“ längst entsorgt. Doch der Rat des Dozenten blieb im Gedächtnis – denn über viele Jahre hinweg war es durchaus eine hohe Kunst, gezielt im Netz nach Wissen zu suchen. Es ging um clevere Suchstrategien und -befehle, um die Google-Algorithmen effektiv zu nutzen. Heute hingegen ist die gezielte Suche und die damit verbundene Auswahl und Bewertung von Ergebnissen fast schon obsolet. Dank KI-Chatbots wie ChatGPT reicht es aus, eine halbwegs präzise formulierte Frage zu stellen – mit oder ohne Rechtschreibfehler. Die Antwort erscheint in Sekundenschnelle, als zusammenhängender, verständlicher Text auf dem Silbertablett serviert. Zweifellos ein hilfreiches Tool, das viel Zeit spart. Doch bei aller Faszination für den aktuellen technologischen Fortschritt drängt sich auch die Frage auf: Verlernen wir dabei das eigenständige Denken? Besteht nicht gerade für Kinder und Jugendliche – die ihre Hausaufgaben mittlerweile komplett von der KI erledigen lassen können – die Gefahr einer schleichenden geistigen Verarmung?
Der Reiz ist ohne Frage groß: Mit ein paar Klicks eine perfekte Präsentation für die Schule erstellen, ohne stundenlang selbst zu pauken. Bis zum Zahltag natürlich – denn bei Klausuren und Prüfungen müssen die digitalen Souffleure draußen bleiben. Dennoch ist die grundlegende Veränderung der Bildungswelt längst in vollem Gange. Schulen sind gefordert, mündliche Leistungen stärker zu gewichten, den Fokus auf Lernprozesse statt ausschließlich auf Ergebnisse zu legen und vermehrt auf individuelle sowie kreative Aufgabenformate zu setzen. Doch auch für uns Erwachsene bleibt die neue Praxis, Aufgaben im Alltag an Chatbots zu delegieren, nicht ohne Auswirkungen. Studien wie jene von Michael Gerlich (Swiss Business School) zeigen, dass die regelmäßige „Gehirnabschaltung“ durch KI-Tools unsere Fähigkeit zum kritischen Denken beeinträchtigen kann. Laut Gerlich führt eine übermäßige Abhängigkeit von externen Hilfsmitteln langfristig zu einem Rückgang kognitiver Leistungen – etwa beim Gedächtnis oder bei der analytischen Urteilskraft.
Was im Berufsalltag zu einer Effizienzsteigerung führt, kann im privaten Bereich auf Dauer kontraproduktiv wirken. Denn die geistigen Ressourcen, die durch den Wegfall alltäglicher Denkarbeit eigentlich freigesetzt werden, fließen nicht zwangsläufig in Lernen oder Produktivität – sondern landen allzu oft in bloßem Konsum und Unterhaltung. Fazit: KI prägt schon heute unseren Alltag. Die Auseinandersetzung mit ihrer Nutzung als zukunftsrelevante Technologie ist unerlässlich – für junge Menschen ebenso wie für Berufstätige in nahezu allen Wirtschaftsbereichen. Ob wir es wollen oder nicht: Für das Erreichen beruflicher Ziele werden KI-Kompetenzen zunehmend zur Schlüsselqualifikation. Umso wichtiger ist es, dabei einen kritischen und selbstreflektierten Umgang mit KI zu bewahren.
(Autor: Paul Deder)
