Ein guter Plan spart Kraft

Man staunt nicht schlecht, wenn man zum ersten Mal vor der ägyptischen Cheops-Pyramide steht. Es scheint unglaublich, dass dieses etwa 4.600 Jahre alte Bauwerk von Menschenhand errichtet wurde. Die Perfektion ist atemberaubend: Die Pyramide ist genau auf die vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, die Seitenlängen sind bis auf wenige Millimeter übereinstimmend. Auch die Logistik rund um das Bauprojekt fasziniert. Mehrere Tausend Arbeiter waren zeitgleich und über 20 Jahre lang auf der Baustelle beschäftigt. Sie transportierten die tonnenschweren Steine vom Hafen, brachten sie in Form und später in die endgültige Position im Bauwerk.

Das alles musste im Vorfeld genau durchgeplant werden, um eine lückenlose Versorgung mit Baustoffen, Werkzeugen und Nahrung zu gewährleisten sowie das Personal vor Ort bedarfsgerecht zu steuern. Während man noch heute Mutmaßungen darüber anstellt, wie den antiken Ägyptern ein solches Meisterwerk gelang, ernten Deutschlands moderne Großprojekte eine böse Schlagzeile nach der anderen. Hat der Pharao die hohe Kunst des Bauens mit ins Grab genommen? Und was ist mit der Fähigkeit, große Bauwerke fundiert planen und geschickt organisieren zu können? Ist auch dieses Wissen im versiegelten Sarkophag verschwunden?

Immer häufiger floppen Bauprojekte, wenn der Staat die Regie übernimmt. Und das färbt leider auf die ganze Branche ab. Zeitplanung und Kosten laufen maßlos aus dem Ruder, Milliarden Euro müssen nachgeschossen werden – meistens aus Steuermitteln. Doch wieso enden viele Großbaustellen im Desaster? Die Forscher der Hertie School of Governance haben 2015 eine Studie veröffentlicht, die erstmalig einen Überblick liefert. Sie untersuchten 170 seit 1960 in Deutschland realisierte Infrastruktur-Großprojekte systematisch auf Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen. Vom Ergebnis waren die Forscher selbst überrascht, denn im Schnitt erhöhten sich die Kosten der abgeschlossenen Projekte im Zuge des Bauprozesses um sagenhafte 73 %. Beim Berliner Flughafen BER rechnen die Forscher 2015 mit einer Kostenüberschreitung von etwa 125 %,  ausgehend von dem 2006 geplanten Gesamtbudget. Damit hätten sich die Kosten seit der ersten geplatzten Eröffnung im November 2011 mehr als verdoppelt – auf derzeit 5,3 Mrd. Euro.

Betrachtet man das Pannenprojekt der Hauptstadt, dann wird schnell deutlich, wo das Desaster seinen Anfang nimmt. Realistische Kostenplanung hatte von Beginn an keine hohe Priorität. Gewiefte Politiker kennen die Macht der kleinen Preise, so lassen sich beim Wähler gesunde Skepsis in Euphorie umwandeln und die Akzeptanz für beabsichtigte Vorhaben erhöhen. Später glänzte weder die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg noch der zur Seite gestellte Aufsichtsrat durch geballte Kompetenz bei der Durchführung des komplexen Bauprojektes. Ebensowenig wurde Wert darauf gelegt, ein externes Kontrollorgan zu installieren, welches im Falle möglicher Fehlentscheidungen oder negativer Tendenzen korrigierend eingreift. Auf einen Generalunternehmer, der die Kosten sicherlich wesentlich genauer abgeschätzt hätte, wurde verzichtet. Stattdessen verwaltete ein Team voller Amateure eigenständig ein ganzes Heer von Subunternehmen. Die zahlreichen Planänderungen schon während der Bauphase erhöhten ein weiteres Mal den Steuerungsaufwand und brachten das Gesamtkonzept komplett durcheinander. Bei diesem Puzzle verlor der Bauherr irgendwann den Überblick.

Um große Projekte der öffentlichen Hand von Beginn an im Griff zu haben, müssen Fehler in der Vorplanungsphase und beim strategischen Projektmanagement vermieden werden. In den Steuerungsgremien müssen Personen mit Expertise in der Privatwirtschaft und Bau vertreten sein, die sich der Komplexität solcher Projekte bewusst sind und bei der Auftragsvergabe den Unterschied zwischen billig und günstig ausmachen können. Hilfreich ist auch die Einbeziehung privaten Kapitals, z. B. durch die Beauftragung eines Generalunternehmers, wodurch das finanzielle Risiko nicht komplett auf den Steuerzahler abgewälzt wird. Dann haben Bürger, Bauherren und Bauausführende  auch wieder Freude – an imposanten Bauwerken der Neuzeit.

Autor: Paul Deder

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