In der Ruhe liegt die Kraft

Kennen Sie ihn, diesen Moment absoluter Stille? Wenn man plötzlich nichts mehr um sich herum wahrnimmt außer dem eigenen Herzschlag, dem Blubbern des Verdauungstrakts und dem Pfeifkonzert der Raucherlunge? Etliche Menschen werden eine solche Erfahrung seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht haben. Wie auch? Die Geräuschkulisse der Großstadt ist an Penetranz und Vielfalt nur noch von der breiten Geruchspalette eines oberbayerischen Bauernhofes zu toppen. Und in ländlichen Gegenden erinnert der Glockenschlag einer Kirchturmuhr auch nachts gerne an die Zeitlichkeit des Daseins. Man muss schon weit reisen, um dem Gehör endlich Ruhe zu verschaffen. 

Zum Beispiel in die südliche Mongolei – mit einer Bevölkerungsdichte von zwei Einwohnern auf einen Quadratkilometer ist die Gefahr überschaubar, beim Stille tanken gestört zu werden. Oder aber man macht sich auf nach Minneapolis im US-Staat Minnesota. Das Unternehmen „Orfield Labaratories“ betreibt dort eine reflexionsarme Kammer, die 99,99 % aller Geräusche absorbiert. Laut Guinnessbuch der Rekorde gibt es keinen stilleren Ort auf der Welt – in diesem schalltoten Raum wird man selbst zum Geräusch. Doch ganz ohne ist diese Erfahrung nicht. Weil sämtliche akustische Informationen fehlen, verliert der Mensch schnell die Orientierung. Der stumme Raum wird zur Kammer des Schreckens, sodass schon nach wenigen Minuten Halluzinationen einsetzen können.

Seit der Entstehung des Menschen bleibt uns der Lärm dicht auf den Fersen und entwickelt sich mit uns weiter. Früher sorgten Naturgewalten für die Spitzenwerte des Schalpegels. Heute reicht dafür der ambitionierte Do-it-yourselfer, der am Samstagmorgen den Laubbläser anwirft und so im Handumdrehen vom geschätzen Nachbarn zur Personifizierung des Bösen mutiert. Erstaunlich ist, dass uns Lärm zur selben Zeit glücklich und krank machen kann. Bei einem Konzert macht laute Musik Lust zu feiern und setzt Endorphine frei. Eine Studie der University of Portsmouth ergab, dass den Probanden der Alkohol umso süßer schmeckte, je lauter Songs dazu abgespielt wurden. Dementsprechend stieg unbewusst der Alkoholkonsum. Erschwerend kommt hinzu, dass eine laute Umgebung beim Menschen zur Desorientierung führt und dabei das richtige Gefühl für die Menge des Rachenputzers auf der Strecke bleibt. So sieht es also aus, das Rezept für gut gelaunte Leberzirrhosepatienten. Demgegenüber gibt es kaum jemanden, dessen Körper beim Dröhnen eines steigenden Flugzeugs Glückshormone ausschüttet. Schon mit dem Beginn der Industrialisierung hat der Mensch erkannt, dass das mechanisch erzeugte Geratter, Gestampfe, Gewummer und Geklirre in den Fabriken schädlich sein muss, doch eine effektive Lärmbekämfpung fand damals noch kein „Gehör“. Auch heute noch hat der Lärm keine Lobby. Anders als Abgase z. B. wird die Gefahr von Verkehrslärm auch vom Gesetzgeber gerne verharmlost. Und das, obwohl nicht nur der Krach direkt zu Gehörschäden führen kann, sondern auch schon niedrige Schalldruckpegel gefährlich sein und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen können. Mediziner schätzen, dass einige Tausend Herzinfarkte in Deutschland allein auf  Straßenverkehrslärm zurückzuführen sind.

Auf Baustellen gehört der Lärm zum Alltag. Wenn Presslufthammer, Rüttelplatten, Bohrer oder Abbruchgeräte zum Einsatz kommen, dann sind Schallpegel bis zu 120 dB keine Seltenheit. Die BG BAU meldet, dass Lärmschwerhörigkeit nach asbestbedingten Erkrankungen und Hautkrankheiten in ihrer Bilanz die meisten Kosten verursacht. Fast die Hälfte aller Berufskrankheiten haben Hörschäden als Ursache. Neben der Einhaltung der neuen Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung sind insbesondere die Arbeitgeber angehalten, das Bewusstsein des Baustellenpersonals über die Gefahren hoher Lärmbelastung zu schärfen. Denn das Wissen um die Folgen und die Notwendigkeit des Selbstschutzes ist effektiver und nachhaltiger als strikte Arbeitsanweisungen und regelmäßige Kontrollen.

Autor: Paul Deder

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