Teure Fehler

Menschen machen Fehler, und das ist gut so. Denn nur mit Mut können wir uns auch gegen den Strom bewegen und vermeintlich falsche Wege einschlagen. Trial and Error ist als Alternative zum Stillstand zwar nicht risikolos, doch eröffnet es Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und bietet die Chance, künftig Dinge besser zu machen. Schon in der Antike erkannte der Philosoph Seneca den Wert eines reflektierten Umgangs mit Fehlern und formulierte mit seinem Zitat „Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu beharren ist teuflisch“ einen wichtigen Ansatz für das Fehlermanagement. In modernen, progressiven Unternehmen gehört es heute zum guten Ton, Misserfolge nicht unter den Teppich zu kehren, sondern sie gezielt zu analysieren, um Produkte und Prozesse nachhaltig zu verbessern.

So wichtig eine offene Fehlerkultur auch sein mag – unbestreitbar ist, dass Fehler schwerwiegende Folgen haben können. Ein Paradebeispiel dafür ist Napoleons verhängnisvolle Entscheidung zum Russlandfeldzug, bei dem er im harten russischen Winter fast seine gesamte Armee verlor. Noch fataler erwies sich Hindenburgs Rolle bei der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, die letztlich zur Machtübernahme der Nazis führte.

Fehler bei der Planung oder Ausführung von Gebäuden, Brücken, Straßen oder Staudämmen mögen zwar keine historischen Ausmaße annehmen, können aber dennoch unerwünschte Kosten und Verzögerungen verursachen. Eines der prominentesten Beispiele für mangelhafte Planung ist das Hochhaus an der Londoner Fenchurch Street 20. Der wegen seiner Form als „Walkie-Talkie“ bekannte und rund 1,5 Milliarden Euro teure Bau des renommierten Architekten Rafael Viñoly erhielt nicht nur Auszeichnungen als hässlichstes Gebäude des Landes. Die markante Form des Bürokomplexes erzeugt starke Fallwinde, die Passanten von den Füßen holen können. Zudem stellte sich kurz vor der Eröffnung heraus, dass das konkave Design der verspiegelten Fassade die Sonneneinstrahlung so stark bündelt, dass es wie ein Brennglas wirkt – mit negativen Folgen für Fußgänger, benachbarte Gebäude und parkende Autos. Erst nachträglich eingebaute Lamellengitter konnten die unerwünschten Effekte des Gebäudes auf die Umgebung entschärfen.

Mehr als nur Medienrummel verursachte seinerzeit die Tacoma-Narrows-Brücke, die im Juli 1940 als drittgrößte Hängebrücke der Welt eröffnet wurde. Bereits vier Monate später stürzte sie ein: Durch starken Wind geriet die schon zuvor für ihre wellenartigen Bewegungen bekannte „Galloping Gertie“ in heftige Schwingungen, die schließlich zum Einsturz der Fahrbahn führten. Dieses Desaster führte dazu, dass bei zukünftigen Brückenbauten eine stabilere Bauweise mit Fachwerkträgern bevorzugt wurde, statt optisch schlanker Konstruktionen. Seitdem wird neben der Statik auch die Aerodynamik bei der Planung von Brücken berücksichtigt.

Planungsmängel und Fehler bei der Umsetzung sind mit teils kolossalen Mehrkosten verbunden. Dass Pfuschbauten nach Fertigstellung zu profitablen Wahrzeichen werden, wie einst der Schiefe Turm von Pisa, bleibt eine Ausnahme. Unsere Katastrophenbaustellen wie der BER, die Elbphilharmonie und Stuttgart 21 stehen sinnbildlich dafür, wie Millionen regelrecht versenkt werden können. Das Beruhigende dabei ist: Wir lernen dazu. Laut einer BauInfoConsult-Studie gingen die von befragten Akteuren geschätzten Fehlerkosten im Bauhauptgewerbe im Jahr 2022 erneut zurück und machten mit rund 13 Mrd. Euro etwas über 8 % des gesamten Jahresumsatzes der Baubranche aus. Es ist gut möglich, dass Optimierungen bei der Planung, eine stärkere Digitalisierung im Bauablauf und bessere Kommunikation zwischen den Gewerken diesen positiven Trend der letzten Jahre weiter fortsetzen.

(Autor: Paul Deder)

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