Zwischen Ölpreis und Ohnmacht

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber wenn ich mir morgens beim Frühstück die Nachrichten reinziehe, denke ich mir regelmäßig: Was zum Geier ist eigentlich mit dieser Welt los? Mit einer gewissen Wehmut erinnert man sich inzwischen an die herrlich langweiligen 2010er zurück – eine Zeit, in der mir schlicht die Ideen für den nächsten Kommentar ausgingen. Ein endloses Sommerloch. Damals musste man sich die Aufreger noch mühsam zusammensuchen. Klar, da war die Flüchtlingskrise – ein politisch aufgeladenes Thema, aber für den Durchschnitts-Otto eben keine breitflächige Wohlstandsvernichtungsmaschine. Ansonsten: ein bisschen Brexit hier, ein Volkswagen-Dieselskandal da, garniert mit Hiobsbotschaften zu deutschen Großprojekten, deren Bauzeit mit den Pyramiden von Gizeh konkurrieren wollte. 

Und jetzt: der wahrgewordene Wahnsinn in Farbe. Ein Mann mit orangefarbenem Gesicht zieht auf seinem ganz persönlichen Kreuzzug gegen den Rest der Welt – bewaffnet mit Raketen und Dekreten. Und hierzulande? Die Roten und die Schwarzen kriegen es gemeinsam hin, Wählerstimmen zu verdampfen wie Wasser auf der Herdplatte. Die Gelben sind irgendwo zwischen Selbstfindung und Bedeutungslosigkeit falsch abgebogen. Die Grünen punkten am besten, wenn ihre Hoffnungsträger vorsichtshalber nicht dazusagen, wo sie eigentlich herkommen. Und die Blauen? Die sitzen mit breitem Grinsen da, schielen schon Richtung Bundestagswahl 2029 und können ihr Glück kaum fassen. Popcorn auf den Schoß und entspannt zuschauen ist leider keine Option. Dafür hängt man viel zu sehr mitten im Film. Denn so ziemlich alles, was gerade zwischen dem Kanzleramt und dem Weißen Haus entschieden wird, hat direkte Auswirkungen – auf die Sicherheit, auf das Portemonnaie und nicht zuletzt auf die eigene Gefühlslage.

So, der aktuelle Dauerbrenner: Spritpreise. Ob Donald Trump wirklich nicht wusste, dass er mit seiner als Nächstenhilfe deklarierten Aktion eine handfeste Energiekrise lostritt? Neben den offiziell verkündeten geopolitischen Zielen ging es vermutlich auch darum, sich als starker Mann zu inszenieren und ganz nebenbei die Position der USA im globalen Energiesystem zu verbessern. Blöd nur: Der explodierende Ölpreis schadet auch den Amerikanern selbst. Mehr „Drill baby drill“ mag die heimische Ölindustrie freuen, sorgt aber gleichzeitig für höhere Preise an der Zapfsäule und belastet dadurch auch die eigene Bevölkerung.  Kein Wunder also, dass die Umfragewerte trotz Dauer-Selbstbeweihräucherung bröckeln – selbst im eigenen Lager. Rund 60 % der US-Bürger sind inzwischen mit Trump unzufrieden. Davon kann man in Deutschland allerdings nur träumen: Hier schaffen es gerade einmal etwa 15 %, der Regierung ein gutes Zeugnis auszustellen. 

Und der Grund liegt auf der Hand: Die Preisexplosion an den Tankstellen trifft Bürger und Unternehmen gleichermaßen. Straßenbauer melden z. B. eine Verdopplung der Bitumenpreise. Und auch der Diesel, der Maschinen und Lkw am Laufen hält, entpuppt sich zunehmend als flüssiger Kostenbeschleuniger. Gründe genug also, die regelmäßig vor Kameras inszenierte politische Betroffenheit endlich in konkretes Handeln zu überführen. Doch anders als viele ihrer Nachbarn setzte die deutsche Politik – erstaunlich unbeeindruckt von der realen Belastung im Alltag – lange auf die vermeintlich selbstheilenden Kräfte des Marktes. Die sprudelnden Mehrwertsteuereinnahmen aus steigenden Spritpreisen nahm man dabei ebenso geräuschlos mit wie den pädagogisch gemeinten Druck, den engstirnigen Bürgern hierzulande den Umstieg auf Elektromobilität schmackhaft zu machen. Erst anderthalb Monate später folgten schließlich die Entscheidungen für Maßnahmen – vorsichtig dosiert, politisch austariert und vor allem: spät.

(Autor: Paul Deder)

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