Wer mit Vollgas auf die fünfzig zurast und im Freundeskreis inzwischen mehr über Gartenpflege und Arthrose als über schnelle Autos und steile Karrieren gesprochen wird, weiß, wovon ich rede. Es wird nämlich zunehmend schwieriger, mit dem Tempo dieser Welt Schritt zu halten. Nicht nur das rasante Erwachsenwerden der eigenen Kinder sorgt für Schnappatmung. Auch die technologischen Entwicklungen walzen mit brutaler Geschwindigkeit durch Alltag, Arbeit und Kommunikation – und trampeln dabei alles nieder, was gestern noch als selbstverständlich galt. Wie müssen sich da erst unsere Eltern fühlen, die noch gedruckte Überweisungsscheine ausfüllen, weil schon Online-Banking für sie wie höhere Mathematik wirkt?
Die Entscheidung zwischen Wandel und Status quo ist eines der großen Spannungsfelder unserer Zeit – gesellschaftlich, wirtschaftlich und ganz persönlich. Und auch wenn die aktuelle Dynamik suggeriert, früher sei alles gemächlicher gewesen: Dieser Konflikt ist so alt wie die Menschheit selbst. Der Mensch klammert sich gerne an Bewährtes, selbst dann, wenn Veränderung objektiv sinnvoll wäre. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit. Veränderung bedeutet Aufwand, Risiko, Unsicherheit – und genau davor drückt man sich gern. „Never change a running system“ klingt für viele wie ein göttliches Gebot. Schließlich kann bei jeder Umstellung etwas schiefgehen. Also hält man lieber an überholten Routinen, verkrusteten Prozessen und liebgewonnenen Gewohnheiten fest, statt mutig neue Wege einzuschlagen.
Und doch lässt sich Wandel in der Regel nicht aufhalten. Ob in der Politik – und Deutschland kann davon derzeit ein ziemlich schiefes Lied singen –, bei technologischen Umbrüchen, geoökonomischen Machtverschiebungen oder im ökologischen Bereich: Veränderung drückt inzwischen aus allen Richtungen gleichzeitig aufs Gaspedal. Der demografische Wandel zwingt Gesellschaft und Sozialstaat zum Umdenken. Die veränderte Haltung zu Arbeit und Freizeit fordert Arbeitgeber heraus, kreativer zu werden, wenn sie Fachkräfte gewinnen oder halten wollen. Künstliche Intelligenz, längst mehr als nur eine clevere Software-Spielerei, krempelt ganze Arbeitsabläufe um und fordert von uns die Anpassung an eine neue Realität. Selbst die De-Globalisierung ist ein Wandel – wenn auch einer mit Rückwärtsgang –, der Deutschland als Exportnation zu einer Neuordnung seiner wirtschaftlichen Beziehungen zwingt. Und über die Dominanz des Wandels hin zur Klimaneutralität muss man kaum noch sprechen: Der Blick auf die Zapfsäule reicht inzwischen als tägliche Erinnerung völlig aus.
Auch auf dem Bau ist die Veränderung längst eingeschlagen. Selbst wenn die Transformation hin zu mehr Digitalisierung, Industrialisierung und Standardisierung vielen unbequem erscheint – auf Dauer helfen weder Zögern noch nostalgisches Beharren. Die viel zitierte „Revolution auf der Baustelle“ muss langsam den Sprung von Kongressbühnen und Fachartikeln in die Realität schaffen, damit Bauen schneller, wirtschaftlicher und nachhaltiger wird. Natürlich ist der Invest in neue Systeme, Geschäftsmodelle und Prozessabläufe mit Risiken verbunden und amortisiert sich selten über Nacht. Doch das Festhalten an prähistorischen Bauverfahren kostet am Ende meist noch mehr. Vielleicht ist der Wandel auch am Bau längst keine Ausnahme mehr – sondern der neue Status quo.
(Autor: Paul Deder)
