Thermoskanne für die Wand

Deutschlands Gebäudefassaden erzählen eine stille Geschichte des Energieverlusts. Rund 21 Mio. Gebäude prägen den Bestand – und der Großteil davon gelten energetisch als sanierungsbedürftig. Etwa 35 % des gesamten deutschen Endenergieverbrauchs entfallen auf den Gebäudesektor – vor allem für Heizen und Warmwasserbereitung. Gleichzeitig stagniert die energetische Sanierungsrate seit Jahren bei rund 1 % – viel zu wenig, um die Klimaziele zu erreichen. 

Allein über schlecht gedämmte Gebäudehüllen entweichen jedes Jahr Milliarden Kilowattstunden Wärme. Der Versuch, dieses Problem mit herkömmlichen Mitteln in den Griff zu bekommen, hat das Stadtbild verändert. Um die immer strengeren gesetzlichen Wärmeschutzanforderungen zu erfüllen, wachsen Fassaden seit Jahren in die Tiefe: Dämmpakete von 20, 30 oder sogar 40 cm sind keine Seltenheit mehr. Sie verschlingen Nutzfläche, verändern Proportionen, erhöhen Brandlasten und werfen neue Fragen zu Materialeinsatz, Recyclingfähigkeit und Lebensdauer auf. 

Genau an diesem Punkt setzt eine neue Idee an, die das Prinzip der Wärmedämmung neu denkt. Statt immer mehr Material aufzuschichten, reduziert sie die Dämmung auf ihr physikalisches Wesentliches: den nahezu vollständigen Ausschluss von Wärmetransport. Inspiriert vom seit über 100 Jahren bewährten Funktionsprinzip der Thermoskanne – jedoch in flacher, industriell skalierbarer Form – hat das Hamburger Start-up V21 mit ZeroCoreVac eine Vakuumisolierung entwickelt, die hohe Dämmleistung erstmals mit minimaler Dicke, mechanischer Robustheit und vollständiger Kreislauffähigkeit verbindet. Durch den Einsatz der neuartigen Dämmtechnologie lässt sich im Gebäudebereich die erforderliche Dämmstärke um bis zu 70 % reduzieren, V21 zufolge ohne Abstriche beim Wärmeschutz.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Vakuumisolationspaneelen (VIPs), die empfindlich, kleinformatig und schwer zu verarbeiten sind, sollen die V21-Paneele keine separate Stützstruktur benötigen und können in nahezu beliebigen Größen gefertigt werden. Die Edelstahlhülle macht das Paneel zudem mechanisch sehr belastbar (bis 60 t/m²), nicht brennbar, wetterbeständig und wiederverwendbar.  „Während andere Lösungen entweder auf fossile Materialien oder teure Hochleistungsgele setzen, wollten wir eine Technologie schaffen, die sich industriell skalieren lässt und eine Kreislaufwirtschaft ermöglicht, die diesen Namen auch wirklich verdient“, sagt Roland Wiedenroth, CEO und Co-Founder von V21. 

Die vom Fraunhofer-Institut bereits geprüften V21-Paneele sind für verschiedene Anwendungsbereiche vorgesehen. Erste Pilotanwendungen sind u. a. in Containermodulen, Fassadensanierungen und temporären Gebäudestrukturen geplant. Ob sich die Technologie im praktischen Einsatz bewährt und bei einer möglichen Markteinführung wirtschaftlich tragfähig ist, wird sich zeigen.

(Autor: Paul Deder)

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