Vorbeugen statt heilen

Der Bau von Brücken, Tunneln, Autobahnen oder Kanalisationssystemen ist langwierig und teuer. Die lange Nutzung solcher Bauwerke soll den Aufwand entschädigen, doch die Realität sieht ernüchternder aus: Die geplante Lebensdauer wird bei den meisten Infrastruktur-Objekten nicht erreicht. So wurde bei Brücken, die nach dem Zweiten Weltkrieg neu bebaut oder grundlegend saniert wurden, mit einer 100 Jahre langen Lebensdauer gerechnet. In der Praxis sind viele dieser Bauwerke nach der Hälfte der geplanten Nutzung als marode zu bezeichnen: Der zunehmende Güterverkehr auf den Bundesstraßen und Autobahnen und die Witterungseinflüsse lassen die Brücken vorzeitig altern. 

Und das kostet: Auf rund 270 Mrd. Euro beziffert die Bundesregierung den Investitionsbedarf an Straßen, Brücken, Schienen- und Wasserwegen zum Jahr 2030. Der Bauexperte Andreas Gerdes vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist überzeugt, dass mehr Vorbeugung der Schlüssel sein kann, um die Infrastruktur auch ohne teure Instandsetzung dauerhaft fit halten zu können. Dafür hat der Leiter der Forschungsgruppe „Mineralische Grenzflächen“ Konzepte entwickelt, mit denen sich die Lebenszyklen von Bauwerken enorm verlängern lassen. „Im KIT Innovation Hub ‚Prävention im Bauwesen‘ bringen wir die Wissenschaft auf die Baustelle. Alle Akteure – Bauherren, Rohstoffhersteller, Planer und Bauunternehmer – arbeiten im Projekt zusammen an einem strukturierten Innovationsprozess“, erklärt Gerdes. So sollen Technologien und Dienstleistungen entwickelt werden, mit deren Hilfe die Bauwerke vor Schadensprozessen geschützt werden können.In Frage sollten aber auch die Vergabeprozesse bei öffentlichen Aufträgen gestellt werden. Die Regelwerke dafür unterscheiden Materialien nicht nach deren Leistungsfähigkeit, sondern stellen lediglich Mindestanforderungen. „Dabei sollte doch eigentlich klar sein, dass ich in einem öffentlichen Schwimmbad nicht den gleichen Fliesenkleber verbauen kann wie zu Hause in der Dusche“, so der Materialforscher. Derzeit werde aber stets das kostengünstigste Material eingesetzt – mit fatalen Folgen für die Langlebigkeit von öffentlichen Gebäuden und Infrasktrukturobjekten. 

Der gesamte Lebenszyklus der Bauwerke sollte daher berücksichtigt werden, wenn Investitionen in die öffentliche Infrastruktur anstehen. Spart man zu Beginn bei der Qualität der Materialien, dann können später unkalkulierbare Instandsetzungskosten auf den Bauherren zukommen. In diesem Zusammenhang ist es ebenso wichtig, projektbezogen die Beanspruchung der Materialien genau zu analysieren, um die geplante Nutzungsdauer auch tatsächlich erreichen zu können. Präventives Bauen ist zu Beginn sicher teuerer, langfristig rechnet sich jedoch der anfängliche Aufwand. Der Bauchemiker Gerdes nennt ein Beispiel: Bei Autobahnbrücken umhülle eine Schicht aus Beton die in den Pfeiler eingelegten Bewehrungsstäbe aus Stahl. Gerät Streusalz auf den Beton, saugt er sich voll wie ein Schwamm. Die Folge: Korrosion. Dies könne leicht verhindert werden, indem man die Betonoberfläche imprägniere.

Autor: Paul Deder

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