Corona-Schockstarre?

Ein düsteres 2020 ging zu Ende. Ein Jahr, das sich wie kein weiteres in der jüngsten Geschichte des Landes mit Ausdrücken wie Angst, Unsicherheit, Panik aber auch Ausweg- und Antriebslosigkeit, soziale Distanz und Einsamkeit beschreiben lässt. Wir gaben ein großes Stück unserer Freiheit auf, hatten Sorgen um Existenzen oder berufliche Stabilität, mussten auf Kulturleben, Reisen und Sozialkontakte verzichten oder verloren sogar Menschen aus unserem Umfeld. Das war ein Jahr zum Runterspülen und doch müssen wir heute zähneknirschend nach vorne blicken.

Mit Wut im Bauch, den nach dem ersten Lockdown erkämpften Vorteil nicht über die Ziellinie gebracht zu haben, steigt vielleicht diesmal die Entschlossenheit eines jeden Einzelnen, zu einer Trendwende beizutragen. Sich allein auf den angekündigten Impfstoff als gallischen Zaubertrank zu verlassen, wäre angesichts der zu erwartenden langen Wartezeiten für die Durchimpfung der Bevölkerung die falsche Strategie.

Die zweite Corona-Welle wurde prognostiziert und doch hat diese exponentielle Entwicklung im Herbst überrascht. Während in Wuhan, der Brutstätte des Coronavirus, seit April Partystimmung herrscht, stürzte bei uns Anfang Dezember – bezogen auf die Corona-Toten – täglich ein vollbesetzter Jumbo-Jet ab. Kein Wunder, dass die Pandemie zum alles beherrschenden Thema geworden ist – nicht nur in den Medien und im privaten Alltag, sondern auch im wirtschaftlichen Miteinander. Und das betrifft auch den Bausektor, der bislang ohne größere Einbußen durch die Krise gekommen ist. 

Dass der Bau keine Insel der Glückseligen ist, wird bei der Betrachtung der Pandemie-Entwicklung deutlich. So stellt man fest, wie wenig vorhersehbar ihr Verlauf bislang war. Entsprechend schwierig ist es, Bauprognosen für die kommenden Jahre anzustellen. Die Auftragsbücher im Wohnungsbau sind zwar noch voll, aber inwiefern wird sich die Lage verändern, wenn die Kaufkraft aufgrund von Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust oder Insolvenzen einbricht? Und wie wird sich das Auslaufen der Mehrwertsteuersenkung und des Baukindergelds auf die Nachfrage nach Bauleistungen auswirken? Bei öffentlichen Auftraggebern war unabhängig davon bereits Ende 2020 eine Zurückhaltung zu spüren und auch der Straßenbau verzeichnet rückläufige Ausschreibungen. Dass sich auch der Nichtwohnbau angesichts der Homeoffice-Sternstunde ebenfalls im Abschwung befinden dürfte, liegt auf der Hand. Gut möglich also, dass wir in der Bauwirtschaft schon recht bald von einer langen Bauboom-Phase in die Stagnation oder sogar eine Rezession abrutschen können. Unter den Baustoffproduzenten machte sich schon kurz nach Beginn der Pandemie Pessimismus breit: Laut einer Befragung von BauInfoConsult gingen 75 % der Hersteller von einem Umsatzrückgang in 2020 aus. Bauunternehmer zeigten sich gelassener, aber auch hier hat jedes dritte Unternehmen mit deutlichen Verlusten gerechnet. 

All das führte dazu, dass Corona die seit Jahren dominierenden Trendthemen am Bau verdrängt hat und zur Mutter aller Herausforderungen geworden ist. Kaum jemand spricht noch über den einstigen Megatrend „Demografischer Wandel“ und seine Auswirkungen auf die Bauwirtschaft. Und wo ist der Diskurs über den Sanierungsbedarf im Gebäudebestand, um ihn, wie gefordert, bis 2050 nahezu klimaneutral gestalten zu können? Smart Home, modulares Bauen oder recyclebare Baumaterialien sind wichtige Ansätze, stehen bei den Bauakteuren im Moment jedoch ganz unten auf der Agenda. Es scheint fast so, als hätte auch die Baubranche in den Überlebensmodus geschaltet und alles weitere ad acta gelegt. Nur die Digitalisierung oder der Fachkräftemangel beschäftigen die Branche nach wie vor – Themen, die aber auch von der Pandemie direkt geprägt werden. Zweifelsohne hat das Virus die Welt verändert und den Fokus neu justiert. Die Herausforderungen der Bauindustrie und die daraus folgenden Handlungsnotwendigkeiten bleiben auch mit und nach Corona bestehen.

Autor: Paul Deder

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