Vom Meister zum Guru

Seit Anbeginn der Zeit lernen Menschen voneinander. Schon das kleine Einmaleins der effizienten Mammutjagd wurde vom Steinzeitvater an den Sohn weitergegeben. Auch die alten Handwerkszünfte lebten davon, dass der Meister sein geballtes Wissen an den Lehrling weiterreichte. Philosophen lehrten ihre Schüler, Händler ihre Nachkommen – und wer Erfolg hatte, teilte seine Erkenntnisse mit der nächsten Generation. Auch heute noch hat diese Form des Wissenstransfers Bestand. Allerdings drängt im Zeitalter grenzenloser Online-Angebote eine Spezies in den Vordergrund, die dieses bewährte Prinzip für die eigene Selbstdarstellung nutzt. Sie brauchen keinen Meisterbrief und kein echtes Wissen mehr – ein lautes Echo aus Eigenlob, Blender-Rhetorik und ein gepflegtes LinkedIn-Profil genügen. Willkommen in der Ära der Coach-Gurus – jener modernen Selbsterleuchteten, die sich in Social-Media-Feeds als fleischgewordene Erfolgsmacher inszenieren. Und das nicht etwa, weil sie selbst erfolgreiche Unternehmen aufgebaut hätten. Nein – sie wissen lediglich, wie man erfolgreich wirkt. 

Ihre Bilder-Postings sind bis zum Lachkrampf kitschig: breites Gewinnerlächeln, lässige Businesspose, eine Rolexfälschung am Handgelenk. Im Hintergrund wahlweise der Innenraum eines Privatjets oder ein gemieteter Lamborghini vor einer Luxusvilla. Eine protzig wirkende Hotel-Lobby tut’s zur Not auch. Gemeinsam mit dem obligatorischen, austauschbaren Selbstoptimierungs-Text ist das Gesamtkunstwerk perfekt inszeniert – um den „ahnungslosen“ Unternehmern da draußen vorzugaukeln, wie man in nur 30 Tagen zum sechsstelligen Monatsumsatz gelangt. Mit dem eigenen Online-Kurs für nur schlappe 4.999 Euro, versteht sich.

Plattformen wie Instagram und TikTok sind ihre Bühnen. Und selbst auf seriösen Netzwerken – dort, wo Fachkräfte und Entscheider eigentlich nach potenziellen Partnern, fachlichem Austausch oder neuen Mitarbeitern suchen – tummeln sie sich in ganzen Herden. Kaum älter als 30, oft mit Lebensläufen, die grotesker kaum sein könnten, haben die digitalen Prediger LinkedIn für sich entdeckt – als Resonanzraum für Dauerbeschallung aus Phrasen, Motivationsfloskeln und Selbstdarstellung. Gerne inklusive aufdringlicher Direktnachrichten im kumpelhaften Duz-Ton, in denen man zu einem „kostenlosen Strategiegespräch“ eingeladen wird.

Dabei ist Coaching an sich nichts Verwerfliches. Menschen brauchen Inspiration, Perspektiven und hin und wieder auch den Blick von außen. Doch was derzeit geschieht, ist eine Entwertung des Begriffs. Es wirkt, als würde inzwischen jeder, der einmal ein Business-Webinar besucht hat, sich kurzerhand zum Experten erklären. Wenn es mehr Gurus als Gestrauchelte gibt – und mehr Worte als Weisheit – dann läuft etwas gehörig aus dem Ruder. 

Manchmal allerdings wünscht man sich, die wirklich wichtigen Entscheider würden sich tatsächlich einmal einen Coach nehmen – einen echten Experten, der dazu beitragen könnte, die Baubranche vor dem tiefen Fall zu bewahren. Denn trotz durchaus sinnvoller Instrumente wie dem jüngst beschlossenen Bau-Turbo bleiben viele zentrale Hebel unangetastet. Die dringend nötige Deregulierung, mögliche Entlastungen bei der Grunderwerb- oder Mehrwertsteuer, um die Baukosten zu senken, oder progressive Förderprogramme? Bislang Fehlanzeige. Vielleicht bräuchte die Politik also tatsächlich ein Coaching – allerdings keines mit Powerpose und Glücksformel, sondern eines mit Fachverstand, Mut und Realitätssinn.

(Autor: Paul Deder)

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