Zweite Chance für WDVS-Abfälle

Seit den 1960er-Jahren werden in Deutschland Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) im großen Stil eingesetzt. Sie bestehen aus mehreren schichtweise verbundenen Materialien, wobei als Dämmstoff überwiegend expandiertes Polystyrol (EPS) verwendet wird. Trotz wiederkehrender Kritik an EPS-Systemen bleibt der vergleichsweise günstiger  Dämmstoff sowohl im Neubau als auch in der Sanierung weit verbreitet, auch wenn seine Marktanteile allmählich zurückgehen. Da die Menge an WDVS-Abfällen stetig zunimmt, wächst der Druck, umweltfreundliche und wirtschaftliche Entsorgungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Das Problem: Wird ein EPS-basiertes WDVS rückgebaut und anschließend ungetrennt in einer Müllverbrennungsanlage entsorgt – was derzeit die gängige Praxis in Deutschland ist –, verursacht das hohe Kosten und ist aus ökologischer Sicht bedenklich. Zudem sind viele Anlagen bereits ausgelastet und für diese Abfallart nicht ausgelegt. Eine Trennung der Systemkomponenten, um bspw. EPS-Anteile wiederaufbereiten zu können, ist derzeit zu aufwendig, und die Rückbaumengen sind zu gering, um ein wirtschaftliches Recycling zu ermöglichen. Daher sind alternative Entsorgungsstrategien gefragt, die eine stoffliche Weiterverwendung der Materialien ermöglichen.

Eine Allianz aus Sto, BASF, Temps Malereibetriebe und dem IWARU-Institut der Fachhochschule Münster hat einen neuen Ansatz für den Umgang mit rückgebauten WDV-Systemen auf EPS-Basis entwickelt. Das Konzept sieht vor, rückgebautes Material ungetrennt in Zementwerken zu verwerten. Der Ansatz nutzt dabei die Materialeigenschaften effizient aus: Der heizwertreiche Dämmstoffanteil – rund 12 % der Gesamtmasse – dient als Sekundärbrennstoff, während die restlichen 88 % aus Mörtel, Putz und Gewebe als mineralischer Rohstoffersatz in die Klinkerproduktion eingehen. So entstehen gleich zwei Vorteile – Energieeinsparung auf der einen und Schonung von Primärrohstoffen auf der anderen Seite.

Die Machbarkeit des Verfahrens wurde bereits im großindustriellen Maßstab erfolgreich getestet. Im Phönix Zementwerk Krogbeumker in Beckum führten die Projektpartner umfangreiche Versuche durch. Das Ergebnis: EPS-haltige WDVS-Abfälle, auch solche mit HBCD-Anteilen (Flammschutzmittel), lassen sich problemlos als Sekundärroh- und -brennstoffe einsetzen. Weder die Emissionswerte der Anlage noch die Qualität des produzierten Klinkers wurden negativ beeinflusst. 

Damit könnte der Recyclingpfad über Zementwerke zu einer realistischen und nachhaltigen Option für den Umgang mit ausgedienten WDV-Systemen werden – ein wichtiger Schritt hin zu mehr Kreislaufwirtschaft im Bausektor. Der nächste Schritt besteht nun darin, eine funktionierende Prozesskette aufzubauen – vom Rückbau der alten Systeme über Lagerung und Zerkleinerung bis hin zum Einsatz des Materials im Zementwerk. Ziel ist es, das Verfahren aus der Erprobungsphase in den Regelbetrieb zu überführen. Aktuell prüfen und verhandeln die Projektpartner, wie sich dieser Schritt in der Praxis realisieren lässt. 

(Autor: Paul Deder)

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