DGfM: Die Zukunft mineralischer Baustoffe

Mauerwerksindustrie wird immer grüner

DGfM Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau e. V.

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Vor Corona stand der Klimaschutz ganz oben auf der politischen Agenda. Auch wenn die CO2-Emissionen aufgrund des Shutdowns drastisch gesunken sind, dürfte das Thema nach Bewältigung der Krise wieder in den Fokus rücken. Im Interview erläutert Dr. Hannes Zapf, Gesellschafter der auf Kalksandstein spezialisierten Zapf Daigfuss-Gruppe, Schwaig b. Nürnberg und ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau e.V. (DGfM), warum im Wohnungsbau die Gebäudenutzung gegenwärtig der größte CO2-Treiber ist.

Herr Dr. Zapf, die Mauerwerksindustrie ist zwar nicht so energie- und emissionsintensiv wie die Stahl- und Betonfertigteilerzeugung, muss aber ebenso CO2 einsparen. Wann wird eine klimaneutrale Produktion erreicht sein?

Dr. Hannes Zapf: Das im Dezember 2019 in Kraft getretene Klimaschutzgesetz verpflichtet alle Marktakteure zur CO2-neutralen Produktion ihrer Produkte respektive Baustoffe bis zum Jahr 2050. Insofern wird in spätestens 30 Jahren eine klimaneutrale Produktion mineralischer Baustoffe erreicht sein. Ich bin sogar sehr zuversichtlich, dass Mauerwerk deutlich früher grün produziert wird.  Viele unserer 200 Mauersteinhersteller decken ihren für den Herstellungsprozess benötigten Energiebedarf bereits heute anteilig aus Solar-, Wind- und Wasserkraft. Andere produzieren auf ehemaligen Abbaustätten oder dem eigenen Werksgelände Solarstrom. In meinen Unternehmen erzeugen wir den Wasserdampf, den wir zur Herstellung unserer Kalksandsteine benötigen, ausschließlich mit Erdgas. Wir könnten die Emissionen noch weiter senken, wenn wir den Gasen grünen Wasserstoff beimengen könnten. Bislang war dies aufgrund unzureichender Kapazitäten und fehlender gesetzlicher Rahmenbedingen noch keine Option. Da in grünem Wasserstoff großes Potenzial für energieintensive Branchen liegt, begrüßen wir die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung außerordentlich.

An welchen weiteren Hebeln kann angesetzt werden, um den CO2-Ausstoß bei der Herstellung von Mauersteinen zu minimieren?

Dr. Hannes Zapf: In der Modernisierung und Erneuerung der Anlagentechnik liegt der Schlüssel zu energie- und ressourceneffizienten Produktionsprozessen. Großes Einsparpotenzial bietet die Rückgewinnung von Umluftwärme sowie die mehrfache Nutzung von Abwärme. Einige unserer Mitgliedsunternehmen haben auch bereits bewiesen, dass sich Schadstoffemissionen mit modernster Abgasreinigungstechnik um bis zu 99 % reduzieren lassen. Pro Anlage ist dies mit Investitionen in Millionenhöhe verbunden, die besonders kleine und mittelständische Unternehmen an ihre finanziellen Grenzen bringen. Ohne staatliche Förderung können Investitionen in dieser Größenordnung von der mittelständisch geprägten Mauersteinindustrie kurzfristig nicht finanziert werden, um schneller mit dem CO2-Sparen voranzukommen. Hier braucht es eine bessere und faire Unterstützung durch Förderprogramme der Bundesregierung auch für die Mauersteinindustrie, mit deren Steinen über 70 % des Wohnungsneubaus derzeit in Deutschland errichtet werden.

Sie kritisieren, dass das Thema Nachhaltigkeit oft auf den CO2-Ausstoß in der Herstellungsphase reduziert wird. Entstehen in der Produktion nicht die meisten klimaschädlichen Emissionen?

Dr. Hannes Zapf: Eben nicht. Die Erstellungsphase beeinflusst die Ökobilanz eines Gebäudes nach vorliegenden Studien nur zu rund 20 %. Der gegenwärtige CO2-Treiber im gesamten Lebenszyklus eines Wohngebäudes ist der Strom- und Heizenergiebedarf während der Nutzungsphase. Das wird sich erst ändern, wenn der Gebäudeenergiebedarf ausschließlich aus erneuerbaren Energien gedeckt wird. Hier hat die Bundesregierung mit dem Klimaschutzgesetz und dem Kohleausstieg die richtigen Weichen gestellt. Wenn wir den CO2-Ausstoß senken wollen, müssen wir, bis der komplette Umstieg auf erneuerbare Energien erfolgt ist, dafür sorgen, dass die Gebäude möglichst wenig Energie benötigen. Dabei kommt den Eigenschaften der verwendeten Baukonstruktionen eine entscheidende Rolle zu. Durch die hohe thermische Speichermasse können Wandkonstruktionen aus Mauerwerk die Wärme der einstrahlenden Sonne aufnehmen und praktisch zeitversetzt an den Innenraum wieder abgeben. Diese Eigenschaft sorgt dafür, dass z.B. ein Mehrfamilienhaus mit 12 Wohnungseinheiten aus Mauerwerk einen bis zu 17 % geringeren Heizenergiebedarf hat als ein vergleichbares Wohngebäude, das nur in leichteren Bauweisen errichtet wurde, wie z. B. bei Fertighäusern aus Holzständerkonstruktionen. Über einen realen Gebäudelebenszyklus von 80 Jahren führt diese Energieeinsparung zu einer CO2-Reduktion von bis zu 11 t. 

Wird der Heizenergiebedarf angesichts des Klimawandels mit steigenden Durchschnittstemperaturen nicht ohnehin sinken?

 Dr. Hannes Zapf: Das ist sehr wahrscheinlich. Wenn wir uns den letzten Sommer mit Temperaturen bis zu 40 °C anschauen, wissen wir, dass der Klimawandel längst in Deutschland angekommen ist. Mit der Konsequenz, dass es immer längere Hitzeperioden und immer höhere Spitzentemperaturen gibt und daher immer mehr Klimaanlagen zum Einsatz kommen. Die sorgen zwar für ein wohltemperiertes Raumklima, verschlechtern aufgrund ihres hohen Energieverbrauchs aber das globale Klima. Viel sinnvoller wäre hingegen, an den Ursachen der Überhitzung anzusetzen, statt ihre Symptome zu lindern. Immer mehr Architekten und Planer fordern bereits ein Umdenken: weg von der hochdimensionierten Dämmung leichter Baukonstruktionen und hin zu mehr Ausnutzung der Wärmespeicherwirkung massiver Wände. Auch hier kann Mauerwerk die Lösung sein. Denn die Wärmespeicherfähigkeit wirkt nicht nur in den Übergangsperioden hinsichtlich weniger Heizenergie – im Sommer sorgt sie dafür, dass die massiven Wände die hohen Temperaturen aufnehmen und erst in den kühleren Nachtstunden zeitversetzt wieder an den Innenraum abgeben. Diesen Effekt nutzen seit Jahrhunderten die Südländer Europas mit ihren massiven Steinhäusern in ihren längeren sommerlichen Hitzeperioden. Auch Süddeutschland erlebt bereits jetzt längere Hitzeperioden, für die Steinhäuser eindeutig Vorteile haben. Nur in den kühleren Klimazonen Nordeuropas und Nordamerikas wird mehr mit Holz als mit Stein gebaut.

Dass Sie als Vorsitzender der DGfM die ökologischen Vorzüge von Mauerwerk betonen, ist verständlich. In Teilen der Öffentlichkeit herrscht allerdings die Meinung, dass Holz die nachhaltigste Bauweise ist?

Dr. Hannes Zapf: Für eine Holzverwendung sprechen zwei herausragende Eigenschaften, die kein anderer Baustoff bietet: die Bäume können in der Wachstumsphase CO2 speichern und sie sind ein nachwachsender Rohstoff. Wie alle anderen Baustoffe hat Holz aber auch spezifische Nachteile. Unbestritten ist, dass Holz am Ende des Lebenszyklus das vom Baum in der Wachstumsphase gebundene CO2 wieder vollständig an die Atmosphäre abgibt. Es speichert das CO2 also nur auf Zeit. Was oft nicht mit betrachtet wird, ist der Fakt, dass bei der Verarbeitung des Baumes zu einer Tonne Bauholz ein eigener CO2-Fußabdruck entsteht, der etwa so groß wie bei der Herstellung einer Tonne Mauerwerk ist – bei Bauplatten aus Schichtholz sogar deutlich größer ist. Außerdem denke ich hier an ökonomische und bautechnische Eigenschaften, wie z.B.  den Schall-, Wärme- und Brandschutz, den Kostenfaktor und die Nutzungsdauer. Zusätzlich muss auf den aktuell sehr hohen Anteil der Holzrahmenkonstruktionen im Holzbau und den damit verbundenen Fakt hingewiesen werden, dass der reine Holzanteil in diesen Konstruktionen auch nur bei 20 % liegen kann. 80 % sind dann Dämmstoffe, Folien, Wandplatten ohne Holzanteile sowie Verbindungsmittel – die aus klimapolitischer Sicht nie gefördert werden dürften. Das muss allen bewusst sein. Daher plädiere ich, wie die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) auch, für eine Betrachtung des gesamten Lebenszyklusses von Gebäuden. Wenn man alle ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Eigenschaften objektiv betrachtet, steht der Mauerwerksbau dem Holzbau in Sachen Nachhaltigkeit in nichts nach. Das gilt insbesondere, wenn man die Nachhaltigkeit der Gebäude über einen realen Lebenszyklus von mehr als 50 Jahren sowie inklusive Rückbau, Recycling, Wiederwendung und Berücksichtigung der finalen thermischen Entsorgung von Altholz abbildet.

 Nahezu jedes Bundesland startet jetzt eine Holzbau-Initiative. Fühlt sich die Mauerwerksbranche benachteiligt?

Dr. Hannes Zapf: Wenn eine Bauweise politisch massiv unterstützt wird, ist das natürlich ein Eingriff in den Markt, der den Wettbewerb verzerrt. Wir fordern deshalb von Bund und Ländern eine technologieoffene Gleichbehandlung aller Bauweisen in der Baupolitik. Für manche Projekte mag Holz die richtige Wahl sein, für andere Mauerwerk oder Beton. Die Entscheidung sollte allerdings den Fachleuten, sprich Architekten und Bauherren überlassen bleiben und nicht per Dekret verordnet werden. Nichtsdestotrotz sind alle Bauweisen wichtig, um das Problem des fehlenden Wohnraums überhaupt lösen zu können. Auch wenn der Anteil von Mauerwerk im Wohnungsbau bei 72 % liegt, ist dies eine Aufgabe, die wir mit Blick in die Zukunft nur gemeinsam bewältigen können. Am Beispiel der Fachwerkhäuser, die in Deutschland ganze Regionen prägen, zeigt sich, wie gut sich unterschiedliche Baustoffe ergänzen können. Diesen keineswegs neuen Ansatz sollten wir beibehalten und in die Moderne führen. Denn die Hybridbauweise eröffnet die Chance, Baustoffe so zu kombinieren, dass sich Stärken und Schwächen optimal ausgleichen. In jedem Fall sind wir strikt für Technologieoffenheit und gegen die Einführung staatlich sanktionierter Quoten für Baustoffe oder Bauweisen. Gemeinsam mit 28 Organisationen und Verbänden der deutschen Bauwirtschaft haben wir uns zur Aktion Nachhaltiger Massivbau zusammengeschlossen und ein entsprechendes Positionspapier an die Politik formuliert.

Wie steht die Mauerwerksbranche zum Cradle-to-Cradle-Ansatz?

Dr. Hannes Zapf: Wir müssen weg von der Wegwerfgesellschaft und hin zur Kreislaufwirtschaft. Da führt kein Weg dran vorbei. Obwohl Mauerwerk bereits heute zu 94 % wiederverwertet wird und im Vergleich zu anderen Baustoffen eine sehr hohe Recyclingquote erreicht, gibt es noch viel Optimierungspotenzial. Unser langfristiges Ziel ist es, die komplette Rückbaufähigkeit von Gebäuden zu erreichen, sodass in Zukunft alle Rohbaustoffe sowie ganze Bauteile wieder- und weiterverwendet werden können. Dazu müssen alle verfahrenstechnischen und konstruktiven Möglichkeiten aufeinander abgestimmt und weiter vorangetrieben werden. In meinem Unternehmen beschäftigen wir uns z.B. sehr intensiv mit dem Thema Funktionstrennung. Konkret bedeutet dies, dass die Außenwandkonstruktionen aus mehreren Bauteilschichten bestehen. Die Wand aus Mauersteinen bildet die tragende Schicht, die durch weitere Bauteilschichten komplettiert wird. Die zukünftigen Entwicklungen sind darauf ausgerichtet, dass sich beim Rückbau die Schichten wieder sauber voneinander trennen lassen und somit problemlos wiederverwendet bzw. sortenrein recycelt werden können. Von meinen Kollegen aus den anderen Steingattungen weiß ich, dass sie an ähnlichen Lösungen für eine noch bessere Wiederverwertung in der Mauerstein-Neuproduktion arbeiten. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft, der Mauersteine zu Cradle-to-Cradle-Produkten machen kann.

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