Klima statt Kinder

Unser Planet ist am Kollabieren. Vertraut man den statistischen Berechnungen von  Gerardo Aquino vom Londoner Alan Turing Institute sowie Mauro Bologna von der chilenischen University of Tarapacá, ist ein katastrophaler Zusammenbruch der Zivilisation kaum zu vermeiden. Auf ganze 10 % beziffern die Forscher unsere Überlebenschancen ein, sollte das globale Bevölkerungswachstum und der Ressourcenverbrauch so weitergehen wie bisher. Diese ungesunde Portion an Pessimismus bekamen die theoretischen Physiker nachdem sie einen der wichtigsten Faktoren untersuchten, die das Klima beeinflussen: die globale Entwaldung.

Der Bestand an Bäumen, die bekannterweise für die Sauerstoffproduktion zuständig sind, unsere Atmosphäre säubern und den Wasserkreislauf regulieren, nimmt rapide ab. Rund 130.000 km² Wald verschwinden pro Jahr durch Abholzung, während Waldbrände Sommer für Sommer ganze Landstriche vernichten. Ginge all das so weiter, dann hätten wir in spätestens 200 Jahren  keine Wälder mehr. Weil die klimatischen Folgen schon weitaus früher spürbar wären, rechnen die beiden Wissenschaftler mit nur noch wenigen Dekaden, bis ein irreversibler Niedergang der Menschheit beginnt. Ein Grund für diese Entwicklung soll der rapide Zuwachs an Weltbevölkerung sein, der die Tragfähigkeit der Erde stetig vermindert. Rund 200.000 Jahre brauchte der Planet, um die erste Milliarde unserer Spezies zu beherbergen. Innerhalb von 200 Jahren kamen sechs weitere Milliarden dazu. Nach einer Prognose der Vereinten Nationen wird die Population der Menschen bis zum Jahr 2100 auf rund elf Milliarden anwachsen. Eine Entwicklung, die nicht nur bei Schwarzsehern Zukunftsängste schürt und sie zum Kreieren fragwürdiger Lösungsansätze verleitet. 

So sind die Mitglieder der Bewegung „Birthstrike“ überzeugt, die Welt durch Kinderverzicht zu einem besseren Ort machen zu können. Aus Sorge vor dem baldigen Untergang des Planeten geben sie ihren Kinderwunsch auf, um nicht selbst zur Überbevölkerung oder Umweltzerstörung beizutragen. Rückenwind für die Gebärstreikenden gibt es ausgerechnet von der Wissenschaft: Forscher der Universität Lund und der University of British Columbia kamen 2017 im Rahmen einer Nachhaltigkeitsstudie zum Schluss, dass die üblichen, halbherzigen Handlungen für den Klimaschutz à la Recycling, Fleischreduktion, Müllvermeidung oder Energieeinsparung nichts als kalter Kaffee sind. Die beste Maßnahme, das Ruder umzureißen sei es, keine weiteren Menschen mehr in die Welt zu setzen. So spare der Verzicht aufs Auto bis zu 5,3 t CO2-Äquivalent-Ausstoß pro Jahr während der Verzicht auf ein Kind den Planeten um bis zu 117,7 t pro Jahr entlaste. Also Schluss mit schrankenlosem Fortpflanzungstrieb, nieder mit Darwin‘s angestaubter Evolutionstheorie – die Erbanlagen der Fortschrittlichen gehören kaltgestellt, die Zukunft steht den auf dem ökologischen Auge Blinden zu. Wenn das nicht die alles rettende Reform der natürlichen Selektion ist, die den Wandel einleitet und die Probleme der Klimakrise löst. 

Das Thema befeuert Emotionen und findet viele junge Anhänger. Es bleibt zu hoffen, dass unsere Welt nicht den Alten überlassen wird und die Menschenfeindlichkeit sich als Konzept zur Klimarettung nicht durchsetzt. Dass sich ein Land wie Deutschland, wo die Geburtenzahlen seit den 70ern ununterbrochen zurückgehen, Antinatalismus gar nicht leisten kann, ist nur eine Notiz am Rande. 

Vieles spricht dafür, dass die Begrenzung des Klimawandels auf 1,5 °C auch ohne radikale Bewegungen möglich und machbar ist. Der politische Wille zur Veränderung ist vorhanden – die Ampelpartner wollen die Energiewende anpacken. Dazu gehört eine „wirtschaftlich effiziente und sozialverträgliche Umsetzung der Klimaschutzziele“ im Baubereich. Bleiben wir also zuversichtlich, dass gesunder Menschenverstand und das Prinzip der vielen kleinen Schritte in die richtige Richtung dazu beitragen, den ökologischen Kollaps zu verhindern.

(Autor: Paul Deder)

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