Cradle to Cradle: Gebäude als Rohstoffdepot

Auch wenn die westliche Welt angesichts der Corona-Pandemie das Problem kurz aus dem Blickfeld verloren hat – das Thema Umweltschutz nimmt nach wie vor eine wichtige Stellung im Leben moderner Gesellschaften ein. So sind in der Bauwirtschaft heute Nachhaltigkeitsstandards zu beobachten, die schon weit über die Gesetzgebung hinausgehen. Doch die Branche konzentriert sich bei der Entwicklung von neuen Produkten viel zu sehr auf das Ziel, Energie einzusparen, was eine eher einseitige Betrachtung des Umweltschutzes darstellt. Lösungen für Ressourcenprobleme gibt es kaum.

Und diese sind, wie wir alle wissen, endlich. Die Errichtung von Gebäuden erfolgt immer noch so, dass die meisten Baustoffe am Ende des Gebäude-Lebenszyklus teuer entsorgt werden müssen. Die meisten in Bauwerke verbauten Produkte sind für die Wiedergewinnung von Werkstoffen nicht entworfen, das Potenzial von Gebäuden als eine Art Rohstofflager für die Zukunft ist nicht präsent. In Anbetracht der Tatsache, dass in Deutschland fast 60 % des anfallenden Mülls auf die Bauindustrie entfällt, ist es höchste Zeit, über die Ressourcenschonung im Baugewerbe nachzudenken. 

Impulse liefert das sogenannte Cradle-to-Cradle-Prinzip, das der deutsche Chemiker Michael Braungart gemeinsam mit dem amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt hat. Die Idee dahinter: Die Industrie sollte anfangen, in geschlossenen Materialkreisläufen zu denken, die keinen Abfall mehr produzieren. Während Erzeugnisse, die aus abbaubaren Stoffen bestehen, in den natürlichen Nährstoffkreislauf zurückgehen, werden Produkte, die für den längerfristigen Gebrauch hergestellt werden, in sortenreine Ausgangsstoffe zerlegt und einem technischen Kreislauf zugefügt. Downcycling mit Qualitätsverlust, das im Bereich der Baustoffe bereits heute praktiziert wird, soll dabei möglichst vermieden werden. 

Bauteile und Materialien werden also so intelligent verbaut und zusammengesetzt, dass sie nach dem Ende der Nutzungszeit eine Wiederverwendung als Wertstoff finden. Ein echter, endloser Materialkreislauf ohne Rohstoffe, die auf Mülldeponien landen, wäre das Ziel der C2C-Philosophie. 

Damit solche Prozesse vorstellbar sind, müsste sich ein neues Konsumdenken etablieren. Und es lohnt sich, denn für alle Beteiligten sind Vorteile ersichtlich. So könnten Bauherren und Investoren von reduzierten Baukosten durch den hohen Restwert der verbauten Rohstoffe profitieren. Der Verkehrswert einer Immobilie dürfte beim Verkauf höher ausfallen, weil bei einem Rückbau die teure Entsorgung des Sondermülls wegfallen würde. Doch auch für Lieferanten zeichnen sich Mehrwerte ab. So könnte der Hersteller neue Geschäftsmodelle wie „Baustoff-Leasing“ erschließen und sich dadurch Rohstoffe zu kalkulierbaren Preisen sichern. Durch die Aufbereitung gebrauchter Produkte  könnte er zudem den eigenen Anteil an der Wertschöpfungskette deutlich steigern. 

Ein weiterer positiver Effekt dieses Konzepts – nicht nur für alle Bauakteure, sondern auch für unser aller Zukunft – ist eine echte Chance, der wachsenden Rohstoffknappheit effektiv entgegenzuwirken.

Autor: Paul Deder

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