Gefühlte Wahrheit

Seit 2017 ist er im Duden zu finden, doch spätestens seit Donald Trumps erster Pressekonferenz als designierter US-Präsident ist der Begriff Fake News in aller Munde. Auch wenn Trump selbst als unerschöpfliche Quelle von Unwahrheiten gilt und seine Twitter-Follower mit stetiger Regelmäßigkeit mit „alternativen Fakten“ versorgt, hat er in einer Sache recht: Die Verbreitung von Fake News ist ein großes Problem der heutigen Zeit.

Dass Propaganda in vielen autoritär geführten Staaten über eigene Kanäle gezielt verbreitet wird und dabei manipulativ wirkt, ist nichts Neues. Neu ist das Phänomen der Erstellung und Weitergabe der Fake News von Nutzern selbst – ermöglicht durch die Funktionsweise und Anonymität des Internets sowie große Reichweiten der sozialen Netzwerke. Dadurch haben auch Demokratien wie die USA plötzlich mit irreführenden Informationen im großen Stil zu tun. So wurden z. B. in der Endphase des letzten US-Wahlkampfes Falschmeldungen öfter geteilt und kommentiert als Berichte seriöser Medien. Weil die Nutzer selbst als Multiplikatoren agieren, können sich Meldungen durch das eifrige Liken der „Freunde“ wie ein Lauffeuer verbreiten, ohne dass sich jemand die Mühe macht, die Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Und schon ist sich der „Sesselexperte“ ganz sicher, dass Hillary Clinton unter einer Washingtoner Pizzeria einen Kinderpornoring betreibt. Das Problem: ist eine solche Falschmeldung einmal in die Welt gesetzt, ist es schwer, sie durch eine Richtigstellung wieder einzufangen.

Dass Fake News auch bei uns fast schon zum Kulturgut geworden sind, hat nicht zuletzt auch etwas mit dem Rechtsruck zu tun, der durch die Republik geht. Die Populisten wissen, wie produktiv das Spiel mit den Ängsten der Menschen sein kann: Durch Übertreibungen, Tatsachenverdrehungen und eine eigene Interpretation der Faktenlage wird bei den Bürgern für Stimmung gesorgt. Ein paar geschönte Zahlen und provokante Aussagen von rechtsgesinnten Verschwörungstheoretikern und schon tobt der Meinungsmob. Und ist der Brechreiz angesichts von so viel Bullshit einmal unter Kontrolle, dann stellt man fest, dass mit Fake News und künstlich generierter Empörung auch in Deutschland Wahlen entschieden werden können.

Lügen sind aber nicht nur als politische Waffe im Einsatz. Immer wieder werden Desinformationen dafür benutzt, um Unternehmen in Misskredit zu bringen. So hat die Münchener Security-Firma Corporate Trust rund 3.300 Firmen in Deutschland zum Thema IT-Kriminalität befragt und festgestellt, dass jedes dritte Unternehmen bereits von Fake News betroffen war. Ein prominentes Beispiel aus unserer Branche ist der größte europäische Baukonzern Vinci, der Ende 2016 Opfer einer gefälschten Finanzmeldung wurde. Mehreren Nachrichtenagenturen und Zeitungen wurde im Namen des Vinci-Pressechefs eine Meldung über die bevorstehende Erneuerung des Jahresabschlusses geschickt, der nun vermutlich einen Verlust ausweisen würde. Binnen Minuten sackte der Aktienkurs des Bauriesen um bis zu 18 % ab, ein Milliardenwert wurde vernichtet.

Dabei muss man gar nicht groß denken, auch kleinere Betriebe sind vor solchen Attacken nicht gefeit. Im Netz platzierte Falschmeldungen von Konkurrenten, frustrierten Ex-Mitarbeitern oder abgewiesenen Bewerbern können Firmen ernsthaft in Bedrängnis bringen. So kann eine gefakte Unternehmensbewertung die Anwerbung neuer Fachkräfte torpedieren und eine in die Welt gesetzte Falschnachricht über Liquiditätsschwierigkeiten mögliche Auftraggeber vertreiben. Die Gefahr bei Fake News besteht vor allem darin, dass auch ein sonst ausgeklügeltes Sicherheitssystem des Unternehmens nicht vor einem Schaden bewahren kann – besonders wenn man von möglichen Angriffen aus Mangel an Social-Media-Kompetenz gar nichts mitbekommt.

Autor: Paul Deder

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